Die prachtvollsten Blumen blühen oft im Verborgenen*

5 06 2008

An all diejenigen, die es noch nicht mitbekommen haben sollten: Ich, Tom, der an der Haltestelle des Lebens namens ‘Reich der Känguruhs’ vor neun Monaten ausgestiegen war, bin nun zurückgekehrt. Vor nunmehr zweieinhalb Wochen, ganz genau am 18.05.2008, ist mein Flieger mit nur anderthalb Stunden Verspätung in Frankfurt (Deutschland) gelandet. Als ich den Platz 24 E verließ, war ich endlich angekommen; in dieser surrealen Realität, die für mich in den letzten Monaten unerreichbar schien und von der ich fast schon verklärt geträumt hatte.

Nun bin ich wieder hier. Bin nicht mehr gefangen auf einem Kontinent auf der anderen Seite der Welt. Wiege mich in der Sicherheit des Alltags, welchen ich so erhofft hatte, welcher aber nicht so ist, wie ich ihn mir ausgemalt hatte. In dem Bewusstsein meiner eigenen innerlichen Veränderung durch die Geschehnisse der vergangenen Monate, nehme ich nun wahr, wie trüb dieses stille Gewässer Alltag ist. Der reissende Strom, die Flutwelle auf die ich aufgesprungen war, ist hier nicht angekommen. Hier hat sich wenig verändert. Oberflächlichkeiten haben einen neuen Anstrich bekommen, doch unter der Fassade befinden sich alte Muster. In diese Formvorgabe bin ich hineingeplumpst, mit einem wohligen Gefühl. Betäubt durch den Jetlag, mit dem ich immer noch etwas zu kämpfen habe, dessen schlimmste Wirren ich aber überstanden habe, lies ich mich wieder ins gewohnte Lebenslabyrinth treiben.

Ich merke, wie ich hier und da blindlings gegen eine Mauer stoße, mich eingeengt fühle und oftmals einfach stehen bleibe, weil es bequemer ist in der zähen Masse stillzuhalten als sich mühevoll freischwimmen zu müssen.

Genau dies hatte ich jedoch vor zu vermeiden. Der Schwung ist abgeebt und ich muss neuen Anlauf nehmen, unbeachtet der alten Strukturen, die mir ausgetretene Pfade aufzeigen. Doch kratzig wie dieses alte Strickmuster des Alltags sein mag, so wohlig warm hält es auch. Der erfrischende kühle Wind, der mir ins Gesicht bläst, ist doch herber als gedacht.

Mir war zwar im Vorhinein bewusst, dass sich die Welt hier nicht um hundertachtzig Grad gewendet hat, aus der Ferne erschien sie mir jedoch auf angenehme Art anders als die, die ich verlassen hatte. Ein Trugschluss, der sich durch die prägenden Eindrücke einer völlig anderen Umgebung gebildet hatte. Jetzt muss ich dieses trügerische Bild versuchen zu durchschauen, mir Klarheit zu schaffen und der Realität ins Auge zu schauen. Es nützt mir nichts, mit geschlossenen Augen umherzuwandeln. Es würde am Ende nur wehtun. Ich muss versuchen, mit der Kraft meines Willens für mich selbst meine Umgebung zu prägen. Keine Bequemlichkeit zulassen, sondern arbeiten, vor allem innerlich.

Ich habe festgestellt, dass ich nicht den drögen Alltag vermisst hatte, sondern Freunde und Familie, Menschen, die mir nahe stehen; Zuneigung und Liebe, auf die direkte Art. Allein die Gewissheit, dass man mich zwar aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn verloren hatte, half mir in meiner schwierigen Lage nicht mehr weiter. Ich brauchte jemanden, der mich in den Arm nahm, doch es war niemand da. So musste ich mich damit zufrieden geben, wie es ‘wäre wenn’. Und es war schön. So schön, dass ich anfing einem traumhaften Ziel entgegenzuleben. Die letzten Monate waren für mich dann leider nicht mehr als eine Zeit der Überbrückung, erwartungsvoll in der Hoffnung auf Besserung.

Es verdarb mir einfach die Freude an Australien, beklaut zu werden, eine lang ersehnte und geplante Reise buchstäblich den Bach hinuntergehen zu sehen, die Grundlage für ein dasein in einer hochentwickelten Zivilisation zu verlieren. Ein niemand zu sein ohne Reisepass, Führerschein, Kreditkarten, Mobiltelefon, ohne ein richtiges Zuhause. Auch noch aus meinem Ersatzzuhause herausgeschmissen zu werden, nachdem ich dort angegriffen wurde. Ohne Geld dazustehen, nicht zu wissen, wo man die nächste Nacht verbringen soll. Von Menschen enttäuscht zu werden, keinen Rückhalt zu haben. Nachts auf der Straße überfallen zu werden, wenn man eh nichts mehr hat. Kein Rückflugticket mehr zu haben, obwohl man eins gebucht und bezahlt hatte. Und schließlich die ganze Zeit auf der Hut und auf der Flucht vor einem negativen Karma und schlimmen Erlebnissen zu sein.

Das alles war kräftezehrend, auslaugend, angstmachend. Tränen habe ich nur wenige vergossen; ich habe diese Erlebnisse überstanden, sie haben mich geprägt. Aktion, Reaktion, Erörterung, weiterleben. Überleben.

Ich wollte sie nicht bewusst haben, diese Zeit, doch nun gelangt sie immer mehr in mein Bewusstsein.

Ich weiß, dass ich in meiner Mission, mich selbst für mich selbst in meiner hiesigen Welt in ein helleres Licht zu rücken, nicht verzagen werde. Denn wenn es eins ist, was ich von der anderen Seite der Erde mitgebracht habe, dann ist es mehr Geduld. Auch wenn dies nach außen nicht unbedingt sichtbar wird, so habe ich gelernt, nicht nur auf kurzfristige Ergebnisse und Lösungen zu hoffen, sondern einen längeren Atem zu haben. Vor allem in negativen Zeiten.

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, nicht wahr? So ist es.

Ich vermisse die andere Seite der Welt, ganz besonders Sydney; die atemberaubende Landschaft Australiens, die Freundlichkeit der Menschen, die Unkompliziertheit des Moments. In den letzten Tagen bin ich oft durch Sydney gelaufen, habe die Eindrücke in mich eingesogen, Gänsehaut bekommen, mich erinnert, Tränen sind mir in die Augen gestiegen.

Kann man sich in einen Abschnitt seines Lebens verlieben?

Am Ende hat mich eine andere Liebe wieder zurückgebracht; die Liebe zu meiner Familie und meinen Freunden.

Es war die richtige Entscheidung, nun hier sein zu wollen, in dem Jetzt, wie ich es oben beschrieben habe. Dieser Entschluss war der einzige, der mich damals hätte glücklich machen können. Genau wie der Schritt, diesen Lebensabschnitt überhaupt erst einzuleiten.

An dieser Stelle danke ich nun EUCH allen, dass ihr mich unterstützt habt während meiner langen Reise. Danke, dass ihr euch Zeit für mich genommen habt, mit mir gelitten und euch mit mir gefreut habt. Und wenn ihr glaubt, dass manches nicht in der Intensität herübergekommen ist, in der ihr es euch gewünscht habt – so war es nicht. DANKE – für jedes einzelne Wort von euch.

Tom

*frei nach dem DHL-Glückskeks





Zum Absch(l)uss freigegeben

10 01 2008

Yeah am Strand

Endlich ist es soweit, meine erste richtige Reise durch Australien steht unmittelbar bevor. Morgen in der Frueh, am 11.01.2008, geht mein Flieger nach Alice Springs, den ich mit Anne entern werde und in dem ich hoffentlich einen Fensterplatz in Beschlag nehmen werde koennen. Ich moechte naemlich unbedingt die unendlichen Weiten Australiens, dieses vor Hitze flirrende Wuestenmeer unter mir betrachten koennen. Es muss wohl ein atemberaubender Anblick sein, bis zum Horizont, so weit wie man schauen kann, nur roten Wuestensand zu sehen!

Das Reisefieber hat mich vollends gepackt. Australien ist ein weites Land und strotzt nur so vor krassen landschaftlichen Gegensaetzen und unberuehrten Plaetzen, die entdeckt werden moechten. Und damit fangen Anne und ich morgen an – zugegeben, unsere Route wird uns durch hoechst touristisches Gebiet fuehren, aber irgendwo muss man ja anfangen. Da wir beide noch ueberhaupt nicht aus Sydney herausgekommen sind, ist es besser, erstmal auf erschlossenem Terrain zu verbleiben.

Fruehstueck mit Champagner und Anne und Christiane

Die Rahmenbedingungen haben wir in den letzten Tagen gesteckt. Unstet und spontan wie das Backpackerleben ist, haben wir alles recht kurzfristig geplant. Nun sind die Uebernachtungen in den Hostels in Alice Springs und Cairns gebucht und unser Reisemobil wartet bezahlt und reserviert in Cairns. ‚Mobil‘? Richtig gelesen, wir mieten uns einen Campingwagen und fahren damit die Ostkueste Australiens ab. Und der Camper ist nicht ein profaner 08/15-Camper wie man ihn auch in Holland finden koennte, sondern ein durchgeknalltes Hippie-Gefaehrt von wickedcampers. Jedes dieser Gefaehrte ist quietschbunt bemalt, teilweise mit schraegen Motiven wie Elton John oder  Homer von den Simpsons oder Elvis oder… egal, jedenfalls ein abgefahrenes Unikat. Bemalt werden die Wagen von Backpackern, unter denen sich diese Autovermietung uebrigens eines gewissen Kultstatus erfreut. Es sind auch, glaube ich, nur solche durchgeknallten Rucksacktouristen dazu bereit, sich in einem Vehikel eines Alters von bis zu anderthalb Dekaden auf den Weg durch Australien zu machen. Aber keine Sorge, wir sind versichert und es gibt einen Pannennotrufservice, der im Preis mit inbegriffen ist. Ausserdem sind wir jung, vital und leidensfaehig…

Sapphire Princess

Den heutigen – im Ubrigen letzten Tag in meiner derzeitigen Wohnung – habe ich mit Aufraeumen, Sortieren und Ausmisten und ordnen der Fisimatente, die sich im Laufe der drei Monate kummuliert haben, verbracht. Die letzte Waesche ist gewaschen, der Rucksack zum Packen vorbereitet und alles noetige fuer die Reise zurechtgelegt. Zwischendurch war ich noch mit der Loesung einer Krisensituation beschaeftigt, denn ploetzlich hiess es seitens der Autovermietung, dass das von uns angeforderte Fahrzeug nicht erhaeltlich fuer eine solch ‚kurze‘ Mietdauer von zehn Tagen sei. Nach einigem Hin und Her, heissen Telefonaten, hektischen E-Mail-Korrespondenzen und einer panischen Suche nach einem anderen Gefaehrt, hat sich im Endeffekt doch alles klaeren lassen und ist beim alten geblieben. Puh.

Somit kann die Reise morgen definitiv entspannt angetreten werden; das Taxi zum Flughafen ist auch schon gebucht.

Apropos: Ich habe heute nicht nur einen schnoeden weissen Ford Falcon gebucht, sondern etwas viel exotischeres.

Feiner weisser Sandstrand, der unter den Fuessen sanft nachgibt, kristallklares Meereswasser und eine exotische Vegetation, eingebettet in einer traumhaft schoenen und aufregenden Landschaft, wie in einem maerchenhaften Diorama – wonach hoert sich das wohl an?

I have a dream

Ich verrate es euch. Es ist der Ort, an dem ich Anfang Mai von Sydney aus eintrudeln werde: Die Suedseeinsel Tahiti! Mitten im Suedpazifik gelegen und zu Franzoesisch Polynesien gehoerend, ist Tahiti der Inbegriff paradiesischer Zustaende, von denen schon vor Jahrhunderten Menschen fantasiert haben. Diesen sagenumwobenen Ruf konnte sich diese winzige Inselgruppe bis heute bewahren, trotz aller ‚Globalisierung‘. Es ist immer noch nicht sonderlich einfach und billig, dort hinzugelangen und vor allem letzteres fuehrt dazu, dass die Inseln nicht von der Krankheit Massentourismus befallen worden sind. Zu den wenigen Privilegierten, fuer die die Legende ‚Suedsee‘ wahr wird, stosse ich eben bald hinzu. Nicht, dass ich den australischen Lotto-Jackpot geknackt haette, nein, nein. Ich habe nur Wege gefunden, wie man sich einen solchen Ausflug relativ preiswert gestalten kann. Ausserdem werde ich hier in Australien weiterhin fleissig arbeiten um ueber die Runden zu kommen und mir relaxte zwei Wochen auf Tahiti, Bora Bora und vielleicht noch anderen Inselchen goennen zu koennen.

Es war ein langegehegter Traum meiner, diese Reise ins Paradies zu unternehmen und nun wird er Wirklichkeit werden! Ich habe zwar nicht vor dort ansaessig zu werden wie Herman Melville, der Autor von ‚Moby Dick‘; und erst recht nicht dort zu sterben, wie Paul Gauguin oder Jacques Brel, deren Graeber auf den Marquesas zu finden sind. Doch wer weiss wohin mich der Zauber dieser kleinen Eilande treiben wird…

Ich werde davon jedenfalls ausfuehrlich berichten. Erstmal werde ich mich aber von Australien und seinen spektakulaeren Landschaften verzaubern lassen. Unter der Bedingung natuerlich, dass Anne und ich keine Autopanne mitten im Outback erleiden und einsam in der sengenden Hitze eingehen… Wir sind aber mehr als zuversichtlich, heilen Wesens zurueckzukommen und von aufregenden Erlebnissen berichten zu koennen.  

Seid gespannt… ich bin es sehr!





Die Zeit, die sich beeilt*

31 12 2007

Strichliste

Nun neigt sich schon wieder ein Jahr seinem Ende entgegen und (fast) ein jeder wird wohl sagen: Das ist wieder schnell vergangen! Ja, so ist das mit der Zeit. Unaufhaltsam und unaufhoerlich rennt sie und es bedarf schon eines wachen Wesens, um mit ihr mitzuhalten.

Es gibt zum einen die Zeit, die sich mit einem selbst, in der Gegenwart, beeilt. Man rotiert durch die aktuellen Geschehnisse seines Lebens und gleitet auf den Wogen der Zeit dahin; manchmal von einem lauen, oftmals von einem stuermischen Wind getrieben. Doch man schreitet immer bewusst voran.

Zum anderen gibt es die Zeit, die scheinbar nur beim Blick auf die Uhr existiert. Der Alltag, mit seinem konstanten Wesen, weckt einen jeden Morgen auf und bringt jeden Abend die Nachtruhe. Die Zeit dazwischen kumuliert sich erst aus der Rueckschau heraus zu einem Ganzen. Diese Momentaufnahmen, die in unregelmaessigen Abstaenden hervorscheinen, geben einem das Gefuehl, neben der Zeit herzulaufen. Am Ende des Jahres trifft man sich in der Situation des hiesigen Namens ‚New Year’s Eve‘. Man betrachtet die Zeit, man blickt in sich selbst hinein und wenn das Licht hell genug scheint, kann man erkennen, welche Pinselstriche seinem eigenen imaginaeren Portrait auf der Leinwand hinzugefuegt wurden.  

Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass die vagen Schemen meines Lebens einer Konturierung unterlegen sind und sichtbar an Gestalt gewonnen haben.  

Autoschieber

Mein Jahr hat eigentlich mit einem Ende angefangen. Die Beendigung meines Arbeitsverhaeltnisses war erstmal eine grosse Erleichterung fuer mich, ist die Arbeit doch immer mehr zu einem Stoerfaktor in meinem Leben mutiert, nachdem sie ihren Zweck erfuellt hatte. Irgendwann bekam ich naemlich das Gefuehl, dass bei mir innerlich nur noch Stillstand herrschte, bliebe ich noch laenger in der ‚Luft‘.

Dann kam die Zeit der Freude, Entspannung, der relativen Verantwortungslosigkeit und Geloestheit. Ich reiste viel herum, unternahm viel mit Freunden, genoss das Zusammensein mit der Familie. Ein grosses Abenteuer wartete auf mich, auf das ich sehr gespannt war. Meine Reise nach Australien kam immer naeher und schon waehrend der letzten Wochen, der Zeit der Abschiednahme von meinen Liebsten, merkte ich, dass dieses eine Jahr Abwesenheit von Zuhause mehr bedeutete, als ich mir bis dahin bewusst geworden war.

Ploetzlich vermisste ich meine Umwelt, die Personen und Persoenlichkeiten, die mich umgaben und die zurueckgelassen hatte, mehr als mir lieb war. Was ich hier in Australien anfangen sollte, wurde mir erst mit den truebsinnigen Tagen und Wochen bewusst, die hier vergingen. Ich war unausgeglichen, orientierungslos und musste jeden Tag mit mir selbst kaempfen, um hier nicht nur koerperlich, sondern auch geistig anzukommen. Dies hatte ich mir zum Ziel gesetzt, nachdem ich feststellen musste, dass der ganze Aufenthalt sonst ueberhaupt keinen Sinn machen wuerde.

Stuhlleere

Ich gewoehnte mich langsam aber stetig an meine neue Umgebung; lernte neue Menschen kennen, die mich beruehrten, ergriffen, losliessen und praegten. Ich gewann Freunde, musste gleichzeitig mit Merkwuerdigkeiten und schmerzhaften Erfahrungen fertig werden. Ich begann, meine Umwelt zu schaetzen, die Positivitaet zu sehen, die sich hinter allen Anstrengungen, Hindernissen und Widrigkeiten verbirgt. Am Ende ergibt alles einen Sinn.  

So hoffe ich, dass das neue Jahr genauso sinnreich weitergeht, wie das aktuelle aufhoert. Ich bin mir bewusst, dass auch in Zukunft nicht immer alles einfach wird, doch freue ich mich darauf, mich den Herausforderungen zu stellen.  

Um es ‚aussielike‘ auszudruecken:

Die Wellen meines Lebens werden sich wahrscheinlich noch manches Mal ueberschlagen, doch finde ich immer festeren Halt auf dem Surfbrett zu meinen Fuessen.  

Der Surfkurs – er bringt was!

Die Sonne – sie scheint!

*frei nach Easy Anne





Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck…

22 12 2007

Strandfuss

Nach Tagen des regnerischen und trueben Wetters schien gestern die Sonne in voller Pracht. So beschloss ich, zum Strand zu fahren und mich genuesslich unter der Sonne Australiens auszubreiten. Ich bin an sich nicht der groesste Strandgaenger, doch nach dem miefigen und feuchten Grau der letzten Tage bekam ich gestern richtige Lust auf Sonne, Strand und Meer. Bislang bin ich auch erst ein Mal am Strand gewesen, um mich zu sonnen und zu baden. Ich mag es ja gar nicht zugeben, da ich ja schon seit fast vier Monaten hier bin! Schande ueber mein Haupt, ich weiss…

 Jedenfalls bin ich gestern in den Bus gesprungen, der quasi vor meiner Haustuer zu einem der zur Zeit angesagtesten Straende faehrt: Coogee Beach. Im Prinzip nicht viel anders als Bondi Beach, nur etwas breiter und nicht von Weltruf. Es war ueberhaupt nicht ueberfuellt am Strand, was ich eigentlich erwartet hatte; die Leute konzentrieren sich zur Zeit wohl doch eher auf’s Weihnachts-Shopping und Party-Machen. Letzteres ist hier eines der Hauptattribute der Weihnachtszeit, wie mir aufgefallen ist. Wie schon vormals erwaehnt, steht man hier Weihnachten in sehr ausgelassener Stimmung entgegen. Dies fuehrt dazu, dass sich der gemeine Otto-Normal-Australier im Dezember auf diversen Partys gerne betrinkt - auch am hellichten Tag (Christmas-Lunch, etc.) . Auch verkleidet er sich gerne, wie man es bei uns nur zu Karneval machen wuerde oder schmeisst sich in seinen schicksten Fummel, den die Garderobe hergibt.

Weihnachtsmaenner bekommt man hier in Sydney auch bei hochsommerlichen Temperaturen in voller Montur zu sehen und zwar in Form von als eben solche verkleideten Busfahrern! Diese halten dann auch mal zwischen den Haltestellen gerne am Strassenrand, um vorbeikommenden Passanten, wie der Papst in seinem Papamobil, zuzuwinken. Das schaut immer ganz lustig aus und amuesiert vor allem Touristen, die jetzt zur Weihnachszeit verstaerkt auf Sightseeing-Touren durch die Stadt schlendern. So wie ich es heute morgen beobachten konnte, stroemen sie auch in Massen von den Kreuzfahrtschiffen (die jetzt ununterbrochen ein- und auslaufen) um bei Tagesausfluegen die City im Schnelldurchlauf zu durchforsten.  

ElvisPlakat

Bald werde auch ich wieder in touristischer Mission unterwegs sein! Ob man es glaubt oder nicht, nach ueber vier Monaten in Sydney geht es am 11. Januar  des naechsten Jahres ab nach Alice Springs! Anne und ich werden ab diesem Zeitpunkt zusammen reisen. In Alice Springs verbringen wir eine Nacht und starten dann mit einer dreitaegigen Outback-Tour, die wir schon gebucht haben. Diese Tour fuehrt uns zum Ayers Rock respektive Uluru und beinhaltet auch Uebernachtungen unter freiem Outback-Himmel, yeah! Darauf freuen wir uns beide schon wie kleine Kinder – ungefaehr so, wie man sich gefreut hat, wenn man als kleiner Spund im elterlichen Garten zelten durfte. Demnach so sehr, dass wir uns schon fast in die Hosen machen vor Aufregung! Na ja, ist vielleicht etwas uebertrieben, aber es kommt dem schon sehr nahe.  

Nach der Tour werden wir weiter nach Cairns fliegen, um von dort aus unsere Ostkuesten-Tour mit einem Mietwagen zu starten. Was wir dabei genau besichtigen werden, entscheiden wir spontan. Jedenfalls haben wir uns schon umfassend informiert (vor allem bei anderen Backpackern) und wissen zumindest schon, was wir auf keinen Fall sehen wollen, weil es sich nicht lohnt. Genauere Informationen diesbezueglich wird es vor oder waehrend der Reise an dieser Stelle geben. 

Ende Januar werden wir wieder in Sydney eintrudeln und als kroenendes Highlight vor Annes Abreise (ja, sie muss am ersten Februar wieder in Deutschland sein – Referendariatsbeginn!) werden wir eine griechische Hochzeit hier in Australien besuchen! Ja, richtig gelesen. Anne wurde von einer Arbeitskollegin eingeladen und nimmt mich als Begleitung mit. Ich bin schon sehr gespannt, wie man hier solch eine Hochzeit feiert und freue mich auf (hoffentlich) griechisches Essen und Booze (wer sich traut, darf letzteres Wort im Woerterbuch nachschlagen).

Heute hatte ich meinen letzten Arbeitstag vor Weihnachten und es gab sogar Weihnachtsgeschenke. Jeder hat eine Flasche Moet Chandon geschenkt bekommen – und diese Schampusflasche wird heute Abend erstmal gekoepft. Fuer Silvester brauche ich die nicht aufzubewahren, weil ich arbeiten werde. Das ist ueberhaupt nicht aergerlich fuer mich, denn erstens bin ich nicht der groesste Silvester-Fan und zweitens wollte ich ja das Feuerwerk an der Harbour Bridge bestaunen. Und wo geht das besser als direkt am Hafen im Wharf Restaurant mit Blick auf eben diese Bruecke? Eben!  

In diesem Sinne wuensche ich euch allen einen lichterlohen vierten Advent!





Einstuerzende Neubauten

3 12 2007

So wechselhaft wie das Wetter in Sydney ist, so stuermisch kann das Leben eines Backpackers wie mir hier sein.

Angefangen hat alles am Freitag auf der Arbeit. Wie die meisten von euch wissen sollten, arbeite ich in einem recht teuren Restaurant als Kellner. Da ich das noch nicht allzu lange mache und noch nie zuvor im Leben gekellnert habe, bin ich natuerlich noch nicht so firm in dem was ich mache. Nun denn, ich haette es ahnen muessen, dass dieser Freitag nicht wirklich prickelnd werden sollte; denn als ich morgens aus dem Bus stieg, fing es auch schon an zu regnen. Auf der Arbeit angekommen, herrschte natuerlich (bedingt durch die Vorweihnachtszeit) schon hektische Betriebsamkeit und Unruhe lag in der Luft, hauptsaechlich von meinen Vorgesetzten verursacht. Alles musste schnell gehen und mittlerweile bin ich tatsaechlich nicht mehr der Langsamste, doch wissen kann ich noch laengst nicht alles; vor allem nicht, wie irgendwelche Cocktails heissen oder aussehen.

ArafatDa stand also dieses breite Glas mit eigenartigem Inhalt und einem Zettel unter dem Sockel. Daher nahm ich das Glas und beeilte mich zum Tisch, der auf dem besagten Zettel notiert war. Nur leider hatte an dem Tisch niemand einen Cocktail bestellt und so ging ich zurueck zur Bar. Dort wartete auch schon mein Vorgesetzter auf mich, um mich zu fragen, was das sollte. Ich habe ihm natuerlich versucht, die Situation zu schildern, aber er meinte nur, dass ich keine Widerworte geben sollte und er immer recht hat. Na ja, hat er zwar nicht, aber ich liess ihn in dem Glauben und atmete einfach tief durch. Schwamm drueber, dachte ich mir. Man muss dazu allerdings sagen, dass es in dem Laden, in dem ich arbeite, fast schon ein Verbrechen ist, einem Kunden gegenueber unwissend zu erscheinen, was seine Bestellung angeht. Meine Schuld war es jedenfalls nicht. Egal, ich also weiter herumgerannt und essen ausgetragen und bumm, wieder etwas falsches am Tisch von vorhin. Und wieder nicht meine Schuld. Okay, wieder Schwamm drueber und weiter. Und zack, wieder der Tisch, wieder falsch – und wieder nicht meine Schuld. Aber wen interessiert’s? Meinen Vorgesetzten jedenfalls nicht. Also bekam ich den ganzen Aerger ab und war innerlich mehr als unruhig. Meine Kollegen bekamen schon Mitleid mit mir, aber was hilft das schon. Im Endeffekt dachte ich mir aber nur, dass ich eh nicht wirklich auf den Job angewiesen bin, mir trotzdem alle erdenkliche Muehe gebe und vernuenftig arbeite und wenn denen das nicht reicht, dann… sollen die mich halt feuern. Ein bisschen Wuerde ist bei mir auch noch haengengeblieben und meine Nerven lasse ich mir von denen nicht kaputt machen. Fazit der Geschichte ist, dass ich es ueberlebt habe und immer noch arbeite und heute sogar einen ganz entspannten Tag hatte.

Der Freitag war aber noch nicht zu Ende. Nach der Arbeit rief ploetzlich eine Freundin an und fragte, ob sie nicht die Nacht bei mir in der Wohnung verbringen koenne, weil sie von Ihrer Gastfamilie (bei der sie Au-Pair-Maedchen ist) rausgeschmissen worden sei. Oh Mann, dachte ich mir, was ist passiert?! Im Endeffekt stellte sich heraus, dass sie, als sie in Ihrer Mittagspause schwimmen gegangen ist und die Familie nicht zu Hause war, eine von vier Shampooflaschen aus dem Bad genommen hatte, weil ihr eigenes Shampoo verbraucht war. Nichts schlimmes an sich, man muss ja auch nicht bei jemandem anrufen und fragen, ob man ein Shampoo benutzen darf, oder? Tja, falsch gedacht. Die Familie beschuldigte sie des Diebstahls, half ihr beim Packen ihrer Sachen und durchwuehlte dabei alles, was der Freundin gehoert hatte nochmals gruendlich, wahrscheinlich um zu pruefen, ob sie nicht vielleicht noch ein Stueck Seife mitgenommen hatte…?! Anna, die Freundin, war jedenfalls in diesem Moment so baff, dass sie das einfach hat mit sich machen lassen, was verstaendlich ist. Im Nachhinein koennte man sich natuerlich die Haare raufen, aber zu spaet. Was lernt man daraus? Nicht alle Australier sind Strandgemueter. Nun denn, sie uebernachtete bei mir und zog am naechsten Tag ins Hostel, um sich diese Woche nach einem neuen Job umzuschauen.

Am selben Abend kamen uebrigens noch die Eltern meines Vermieters aus Deutschland angeflogen und entsprechender Trubel herrschte dann im Hause.

Zu guter Letzt hatte ich dann am Samstag so etwas wie eine Meinungsverschiedenheit mit einem hier kennengelernten Freund, was mich innerlich sehr aufgewuehlt und bedrueckt hatte und woran ich immer noch denken muss. Aber das vergeht schon mit der Zeit.

Man sieht also, dass es auch am anderen Ende der Welt nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen gibt, sondern dass der muehsam und liebevoll aufgebaute Alltag manchmal auch einfach wie ein Kartenhaus in sich zusammenfaellt.

Paeckchen

Heute bin ich aber schon wieder gut gelaunt, weil ich einen entspannten Arbeitstag hatte und ein Paeckchen von meinen Eltern erhalten habe, in dem unter anderem Lebkuchen, Pralinen, Printen und Dominosteine enthalten waren – weihnachtlich Gaumenfreuden! Danke nochmals, ich werde es mir schmecken lassen!:-) Das Paeckchen an sich sah allerdings aberteuerlich mitgenommen aus. Nicht genug, dass das australische Seuchenschutzamt den Inhalt begutachtet (aber zum Glueck als nicht gefaehrlich befunden) hat – am Ende lag das Paeckchen vor der Haustuer im Regen, halb offen und zerbeult. Danke, staatliche australische Post!

In diesem (heute verregneten) Sinne – Frohe Weihnachten.

Ps: Falls ihr euch fragt, was das Bild vom Kassenbon dort oben zu suchen hat - schaut mal auf den unteren Abschnitt und staunt, wer mich bedient hat… (”Your cashier today was…”)