Die prachtvollsten Blumen blühen oft im Verborgenen*

5 06 2008

An all diejenigen, die es noch nicht mitbekommen haben sollten: Ich, Tom, der an der Haltestelle des Lebens namens ‘Reich der Känguruhs’ vor neun Monaten ausgestiegen war, bin nun zurückgekehrt. Vor nunmehr zweieinhalb Wochen, ganz genau am 18.05.2008, ist mein Flieger mit nur anderthalb Stunden Verspätung in Frankfurt (Deutschland) gelandet. Als ich den Platz 24 E verließ, war ich endlich angekommen; in dieser surrealen Realität, die für mich in den letzten Monaten unerreichbar schien und von der ich fast schon verklärt geträumt hatte.

Nun bin ich wieder hier. Bin nicht mehr gefangen auf einem Kontinent auf der anderen Seite der Welt. Wiege mich in der Sicherheit des Alltags, welchen ich so erhofft hatte, welcher aber nicht so ist, wie ich ihn mir ausgemalt hatte. In dem Bewusstsein meiner eigenen innerlichen Veränderung durch die Geschehnisse der vergangenen Monate, nehme ich nun wahr, wie trüb dieses stille Gewässer Alltag ist. Der reissende Strom, die Flutwelle auf die ich aufgesprungen war, ist hier nicht angekommen. Hier hat sich wenig verändert. Oberflächlichkeiten haben einen neuen Anstrich bekommen, doch unter der Fassade befinden sich alte Muster. In diese Formvorgabe bin ich hineingeplumpst, mit einem wohligen Gefühl. Betäubt durch den Jetlag, mit dem ich immer noch etwas zu kämpfen habe, dessen schlimmste Wirren ich aber überstanden habe, lies ich mich wieder ins gewohnte Lebenslabyrinth treiben.

Ich merke, wie ich hier und da blindlings gegen eine Mauer stoße, mich eingeengt fühle und oftmals einfach stehen bleibe, weil es bequemer ist in der zähen Masse stillzuhalten als sich mühevoll freischwimmen zu müssen.

Genau dies hatte ich jedoch vor zu vermeiden. Der Schwung ist abgeebt und ich muss neuen Anlauf nehmen, unbeachtet der alten Strukturen, die mir ausgetretene Pfade aufzeigen. Doch kratzig wie dieses alte Strickmuster des Alltags sein mag, so wohlig warm hält es auch. Der erfrischende kühle Wind, der mir ins Gesicht bläst, ist doch herber als gedacht.

Mir war zwar im Vorhinein bewusst, dass sich die Welt hier nicht um hundertachtzig Grad gewendet hat, aus der Ferne erschien sie mir jedoch auf angenehme Art anders als die, die ich verlassen hatte. Ein Trugschluss, der sich durch die prägenden Eindrücke einer völlig anderen Umgebung gebildet hatte. Jetzt muss ich dieses trügerische Bild versuchen zu durchschauen, mir Klarheit zu schaffen und der Realität ins Auge zu schauen. Es nützt mir nichts, mit geschlossenen Augen umherzuwandeln. Es würde am Ende nur wehtun. Ich muss versuchen, mit der Kraft meines Willens für mich selbst meine Umgebung zu prägen. Keine Bequemlichkeit zulassen, sondern arbeiten, vor allem innerlich.

Ich habe festgestellt, dass ich nicht den drögen Alltag vermisst hatte, sondern Freunde und Familie, Menschen, die mir nahe stehen; Zuneigung und Liebe, auf die direkte Art. Allein die Gewissheit, dass man mich zwar aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn verloren hatte, half mir in meiner schwierigen Lage nicht mehr weiter. Ich brauchte jemanden, der mich in den Arm nahm, doch es war niemand da. So musste ich mich damit zufrieden geben, wie es ‘wäre wenn’. Und es war schön. So schön, dass ich anfing einem traumhaften Ziel entgegenzuleben. Die letzten Monate waren für mich dann leider nicht mehr als eine Zeit der Überbrückung, erwartungsvoll in der Hoffnung auf Besserung.

Es verdarb mir einfach die Freude an Australien, beklaut zu werden, eine lang ersehnte und geplante Reise buchstäblich den Bach hinuntergehen zu sehen, die Grundlage für ein dasein in einer hochentwickelten Zivilisation zu verlieren. Ein niemand zu sein ohne Reisepass, Führerschein, Kreditkarten, Mobiltelefon, ohne ein richtiges Zuhause. Auch noch aus meinem Ersatzzuhause herausgeschmissen zu werden, nachdem ich dort angegriffen wurde. Ohne Geld dazustehen, nicht zu wissen, wo man die nächste Nacht verbringen soll. Von Menschen enttäuscht zu werden, keinen Rückhalt zu haben. Nachts auf der Straße überfallen zu werden, wenn man eh nichts mehr hat. Kein Rückflugticket mehr zu haben, obwohl man eins gebucht und bezahlt hatte. Und schließlich die ganze Zeit auf der Hut und auf der Flucht vor einem negativen Karma und schlimmen Erlebnissen zu sein.

Das alles war kräftezehrend, auslaugend, angstmachend. Tränen habe ich nur wenige vergossen; ich habe diese Erlebnisse überstanden, sie haben mich geprägt. Aktion, Reaktion, Erörterung, weiterleben. Überleben.

Ich wollte sie nicht bewusst haben, diese Zeit, doch nun gelangt sie immer mehr in mein Bewusstsein.

Ich weiß, dass ich in meiner Mission, mich selbst für mich selbst in meiner hiesigen Welt in ein helleres Licht zu rücken, nicht verzagen werde. Denn wenn es eins ist, was ich von der anderen Seite der Erde mitgebracht habe, dann ist es mehr Geduld. Auch wenn dies nach außen nicht unbedingt sichtbar wird, so habe ich gelernt, nicht nur auf kurzfristige Ergebnisse und Lösungen zu hoffen, sondern einen längeren Atem zu haben. Vor allem in negativen Zeiten.

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, nicht wahr? So ist es.

Ich vermisse die andere Seite der Welt, ganz besonders Sydney; die atemberaubende Landschaft Australiens, die Freundlichkeit der Menschen, die Unkompliziertheit des Moments. In den letzten Tagen bin ich oft durch Sydney gelaufen, habe die Eindrücke in mich eingesogen, Gänsehaut bekommen, mich erinnert, Tränen sind mir in die Augen gestiegen.

Kann man sich in einen Abschnitt seines Lebens verlieben?

Am Ende hat mich eine andere Liebe wieder zurückgebracht; die Liebe zu meiner Familie und meinen Freunden.

Es war die richtige Entscheidung, nun hier sein zu wollen, in dem Jetzt, wie ich es oben beschrieben habe. Dieser Entschluss war der einzige, der mich damals hätte glücklich machen können. Genau wie der Schritt, diesen Lebensabschnitt überhaupt erst einzuleiten.

An dieser Stelle danke ich nun EUCH allen, dass ihr mich unterstützt habt während meiner langen Reise. Danke, dass ihr euch Zeit für mich genommen habt, mit mir gelitten und euch mit mir gefreut habt. Und wenn ihr glaubt, dass manches nicht in der Intensität herübergekommen ist, in der ihr es euch gewünscht habt – so war es nicht. DANKE – für jedes einzelne Wort von euch.

Tom

*frei nach dem DHL-Glückskeks