Der heilige Abend und der X-Faktor

26 12 2007

Weihnachtskuchen

Der Abend des Jahres ist ueberstanden und ich kann nicht sagen, ob ‚leider‘ oder ‚zum Glueck‘. Es war ein nahezu abenteuerliches Erlebnis, diesen Abend hier in Sydney, auf eine sehr befremdliche Art und Weise, zu verbringen.

Angefangen hat es damit, dass ich Mittags in der Stadt unterwegs gewesen bin, um noch die letzten Zuege der vorweihnachtlichen Stimmung (i.e. Stress!) mitzubekommen und letzte Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Natuerlich hatte der Laden, wo ich ein paar Kleinigkeiten kaufen wollte, geschlossen als ich dort ankam, obwohl grossartig angekuendigt worden ist, QVB-Baumdass er noch fuer die Klientel, die auf den letzten Druecker Geschenke braucht, geoeffnet haben wird. Nun denn, ich habe mich nicht aus der Ruhe bringen lassen und habe einfach Plan B aus dem Aermel gezogen und bin woanders hingegangen, um spontan und improvisatorisch andere Warengueter zu erwerben. Zwischendurch habe ich noch letzte Fotos von den Weihnachtsdekorationen Sydneys geschossen, was ich eigentlich schon vor Tagen gemacht haben wollte. So gibt es hier ein ganz bekanntes Kaufhaus namens David Jones, das in seinem Anspruch mit Harrod’s oder den Galeries LaFayette vergleichbar ist (auch wenn es deren Status nicht erreicht), das ganz opulent eingerichtete Schaufenster besitzt. Dieses Jahr wurde unter Zuhilfenahme von etlichen Marionetten der Nussknacker nachgestellt, in jedem Schaufenster eine andere Szene. Leider musste ich feststellen, dass eben diese Fenster von Menschentrauben umringt waren und das Fotografieren sich dementsprechend schwierig gestaltete.  

Abends war ich mit Anne zum Weihnachtsessen verabredet, um anschliessend zur Anna und Christiane ins Hostel zu gehen, um uns durch ein ueppiges Schokoladenfondue zu schlemmen. Leider kam Annes Mitbewohnerin auf die Idee, kurz vor uns anzufangen zu kochen, obwohl sie das Essen erst fuer den naechsten Tag gebraucht hat und wir unsere Kuechenbesetzung im Vorhinein angekuendigt hatten. Da waren wohl irgendwelche trotzigen Rachegelueste mit im Spiel, nachdem schon seit Wochen eine sehr gespannte Stimmung zwischen der Mitbewohnerin und uns herrschte. Um was es genau geht, moechte ich hier jetzt nicht ausbreiten, jedenfalls haben wir uns unsere Stimmung nicht verderben lassen und haben einfach abgewartet.

Mit drei Stunden Verzoegerung stand dann irgendwann auch unser weihnachtliches Festmahl auf dem Tisch, welches dieses Jahr aus Burritos bestand. Ja, ja – es war aber lecker! Am Ende gab’s einen kleinen Bescherungsmoment und leicht gestresst und unter Zeitdruck mussten wir schnell ins Hostel, weil wir dummerweise die ganze Schokolade dabei hatten, die fuer das Schokofondue benoetigt wurde. Unsere Freunde warteten jedoch ganz geduldig auf uns.

Das Fondue war ganz lecker und danach war mir auch ziemlich schlecht, wobei letzteres nicht nur am Essen lag. Im Aufenthaltsraum des Hostels ging naemlich die Post ab. Groehlende Englaender(innen) und Kanadier belagerten einen Grossteil des Raumes und gaben lautstark Weihnachstlieder von sich. Teilweise in Tonlagen, die mir bislang unbekannt waren und in einer Lautstaerke, die einen startenden Jumbojet locker uebertraf.Irgendwann hatten wir genug davon und machten uns auf den Weg zu einer Mitternachtsmesse, die wir eigentlich in der grossen St Mary’s Kirche besuchen wollten. In meinem Kopf schwirrten naemlich solche Gedanken, dass das ganze Weihnachtsbrimborium urspruenglich ja aus rein religioesen Gruenden stattfindet; daher beschlossen wir, eine Kirchenmesse zu besuchen, zum grossen Teil auch deswegen, weil wir sehen wollten, wie so etwas in Australien zelebriert wird.

Bescherung

Auf dem Weg zu unserer urspruenglich avisierten Kirche sind wir jedoch nicht weit gekommen, denn kurz nachdem wir aufgebrochen waren kam uns eine Prozession entgegen, die uns quasi auf der Stelle missioniert hat. Wir folgten dem Zug der Glaeubigen, der uns in eine Kirche um die  Ecke fuehrte. Das war uebrigens ein aeusserst seltsames Schauspiel, weil sich die Prozession durch eine betrunkene Partymeute zwaengen musste, die vor einer Bar auf den Zutritt gewartet hatte. Auch der Prozessionszug an sich wirkte sehr eigenartig. Angefuehrt von einem Jugendlichen, der fast wie in Trance mit dieser Weihrauchschleuder vor sich hin wedelte, gefolgt von alten Kreuztraegern, einer humpelnden Frau und abgeschlossen von drei alten Herren in goldenen Gewaendern mit schwarzen Hueten auf den Koepfen. Diese merkwuerdigen Gestalten wirkten sehr beschwoerungsmaessig und besassen eine Aura des Unheimlichen.

Die Messe an sich wurde mit ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ eingeleitet, vorgetragen von einem talentierten Chor, der die ganze Messe ueber zu schoenem Orgelspiel sein Bestes gegeben hat. Allein deswegen hat sich der Besuch schon gelohnt. Da ich an der Thematik der Messe nicht wirklich interessiert gewesen bin, hatte ich waehrend der zwei Stunden genuegend Zeit, die Menschen um mich herum zu beobachten, was sehr vergnueglich war und mich zeitweise sogar aus meiner doesigen Stimmung zu reissen vermochte. Viele der Personen schienen keine regelmaessigen Kirchengaenger zu sein und liessen sich von jedem Geraeusch um sie ablenken und verrenkten ueberaus interessiert ihre Koepfe in alle moeglichen Richtungen – nur nicht nach vorne, wo eigentlich der Hauptfokus des Abends liegen sollte.

Prozession

Ueberhaupt war die Messe sehr unterhaltsam, auch wenn es nicht ihrer selbst wegen gewesen ist.

Nach dem Ende dieses merkwuerdigen Schauspiels wollten wir nur noch nach Hause, weil wir sehr muede und vom Weihrauch leicht benebelt waren. Natuerlich musste es nach dem Verlassen der Kirche auch prompt anfangen in Stroemen zu regnen, was uns dazu veranlasste, mit dem Taxi abzuduesen.  

Der erste Weihnachtstag war dagegen umso unspektakulaerer. Anne kam bei mir zu Besuch und wir verbrachten fast den ganzen trueben Tag in meinen bescheidenen vier Waenden. Das Wetter war schlecht und aus unserem geplanten Strandausflug wurde nichts.

Abends waren wir auf ein weihnachtsliches Barbecue bei der sydneyer Verwandtschaft einer wiener Freundin eingeladen. Als wir dort ankamen, war die Party allerdings schon fast vorbei und alle, einschliesslich der Eltern, waren – nach guter australischer Manier – schon ziemlich dicht, was die Party sehr droege wirken liess. So verliessen wir diese schon nach kurzer Zeit… Heute scheint die Sonne und es sieht so aus, als ob es endlich wahr werden wuerde – Weihnachten am Strand!

Mein Bus kommt gleich und Coogee Beach wartet auf mich. Vielleicht bekomme ich ja ein paar wellenreitende Weihnachtsmaenner zu sehen. Falls dem wirklich so geschehen sollte, dann werde ich auch davon ausfuehrlich berichten… Frohe Weihnachten!


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Eine Antwort

26 12 2007
Papa

Dein Heiligabend und Weihnachten waren abenteuerlich, aber auch
einzigartiges Erlebnis, das du nie vergessen wirds !!!
Es freut uns, dass du zufrieden bist, obwohl wir dich
bei uns lieber haben hätten !!!
Wir haben Sehnsucht nach dir, aber wissen das jeder vergangene Tag
bringd unseres Wiedertreffen näher.
Zuerst aber hast du noch viel zu sehen, erleben und (english) lernen.
Wir freuen uns schon auf deine Australia – Reise,
und warten auf die herrliche (profi !!!) Berichte, und wundervolle Fotos !!!
Eltern

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