Einstuerzende Neubauten

3 12 2007

So wechselhaft wie das Wetter in Sydney ist, so stuermisch kann das Leben eines Backpackers wie mir hier sein.

Angefangen hat alles am Freitag auf der Arbeit. Wie die meisten von euch wissen sollten, arbeite ich in einem recht teuren Restaurant als Kellner. Da ich das noch nicht allzu lange mache und noch nie zuvor im Leben gekellnert habe, bin ich natuerlich noch nicht so firm in dem was ich mache. Nun denn, ich haette es ahnen muessen, dass dieser Freitag nicht wirklich prickelnd werden sollte; denn als ich morgens aus dem Bus stieg, fing es auch schon an zu regnen. Auf der Arbeit angekommen, herrschte natuerlich (bedingt durch die Vorweihnachtszeit) schon hektische Betriebsamkeit und Unruhe lag in der Luft, hauptsaechlich von meinen Vorgesetzten verursacht. Alles musste schnell gehen und mittlerweile bin ich tatsaechlich nicht mehr der Langsamste, doch wissen kann ich noch laengst nicht alles; vor allem nicht, wie irgendwelche Cocktails heissen oder aussehen.

ArafatDa stand also dieses breite Glas mit eigenartigem Inhalt und einem Zettel unter dem Sockel. Daher nahm ich das Glas und beeilte mich zum Tisch, der auf dem besagten Zettel notiert war. Nur leider hatte an dem Tisch niemand einen Cocktail bestellt und so ging ich zurueck zur Bar. Dort wartete auch schon mein Vorgesetzter auf mich, um mich zu fragen, was das sollte. Ich habe ihm natuerlich versucht, die Situation zu schildern, aber er meinte nur, dass ich keine Widerworte geben sollte und er immer recht hat. Na ja, hat er zwar nicht, aber ich liess ihn in dem Glauben und atmete einfach tief durch. Schwamm drueber, dachte ich mir. Man muss dazu allerdings sagen, dass es in dem Laden, in dem ich arbeite, fast schon ein Verbrechen ist, einem Kunden gegenueber unwissend zu erscheinen, was seine Bestellung angeht. Meine Schuld war es jedenfalls nicht. Egal, ich also weiter herumgerannt und essen ausgetragen und bumm, wieder etwas falsches am Tisch von vorhin. Und wieder nicht meine Schuld. Okay, wieder Schwamm drueber und weiter. Und zack, wieder der Tisch, wieder falsch – und wieder nicht meine Schuld. Aber wen interessiert’s? Meinen Vorgesetzten jedenfalls nicht. Also bekam ich den ganzen Aerger ab und war innerlich mehr als unruhig. Meine Kollegen bekamen schon Mitleid mit mir, aber was hilft das schon. Im Endeffekt dachte ich mir aber nur, dass ich eh nicht wirklich auf den Job angewiesen bin, mir trotzdem alle erdenkliche Muehe gebe und vernuenftig arbeite und wenn denen das nicht reicht, dann… sollen die mich halt feuern. Ein bisschen Wuerde ist bei mir auch noch haengengeblieben und meine Nerven lasse ich mir von denen nicht kaputt machen. Fazit der Geschichte ist, dass ich es ueberlebt habe und immer noch arbeite und heute sogar einen ganz entspannten Tag hatte.

Der Freitag war aber noch nicht zu Ende. Nach der Arbeit rief ploetzlich eine Freundin an und fragte, ob sie nicht die Nacht bei mir in der Wohnung verbringen koenne, weil sie von Ihrer Gastfamilie (bei der sie Au-Pair-Maedchen ist) rausgeschmissen worden sei. Oh Mann, dachte ich mir, was ist passiert?! Im Endeffekt stellte sich heraus, dass sie, als sie in Ihrer Mittagspause schwimmen gegangen ist und die Familie nicht zu Hause war, eine von vier Shampooflaschen aus dem Bad genommen hatte, weil ihr eigenes Shampoo verbraucht war. Nichts schlimmes an sich, man muss ja auch nicht bei jemandem anrufen und fragen, ob man ein Shampoo benutzen darf, oder? Tja, falsch gedacht. Die Familie beschuldigte sie des Diebstahls, half ihr beim Packen ihrer Sachen und durchwuehlte dabei alles, was der Freundin gehoert hatte nochmals gruendlich, wahrscheinlich um zu pruefen, ob sie nicht vielleicht noch ein Stueck Seife mitgenommen hatte…?! Anna, die Freundin, war jedenfalls in diesem Moment so baff, dass sie das einfach hat mit sich machen lassen, was verstaendlich ist. Im Nachhinein koennte man sich natuerlich die Haare raufen, aber zu spaet. Was lernt man daraus? Nicht alle Australier sind Strandgemueter. Nun denn, sie uebernachtete bei mir und zog am naechsten Tag ins Hostel, um sich diese Woche nach einem neuen Job umzuschauen.

Am selben Abend kamen uebrigens noch die Eltern meines Vermieters aus Deutschland angeflogen und entsprechender Trubel herrschte dann im Hause.

Zu guter Letzt hatte ich dann am Samstag so etwas wie eine Meinungsverschiedenheit mit einem hier kennengelernten Freund, was mich innerlich sehr aufgewuehlt und bedrueckt hatte und woran ich immer noch denken muss. Aber das vergeht schon mit der Zeit.

Man sieht also, dass es auch am anderen Ende der Welt nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen gibt, sondern dass der muehsam und liebevoll aufgebaute Alltag manchmal auch einfach wie ein Kartenhaus in sich zusammenfaellt.

Paeckchen

Heute bin ich aber schon wieder gut gelaunt, weil ich einen entspannten Arbeitstag hatte und ein Paeckchen von meinen Eltern erhalten habe, in dem unter anderem Lebkuchen, Pralinen, Printen und Dominosteine enthalten waren – weihnachtlich Gaumenfreuden! Danke nochmals, ich werde es mir schmecken lassen!:-) Das Paeckchen an sich sah allerdings aberteuerlich mitgenommen aus. Nicht genug, dass das australische Seuchenschutzamt den Inhalt begutachtet (aber zum Glueck als nicht gefaehrlich befunden) hat – am Ende lag das Paeckchen vor der Haustuer im Regen, halb offen und zerbeult. Danke, staatliche australische Post!

In diesem (heute verregneten) Sinne – Frohe Weihnachten.

Ps: Falls ihr euch fragt, was das Bild vom Kassenbon dort oben zu suchen hat - schaut mal auf den unteren Abschnitt und staunt, wer mich bedient hat… (”Your cashier today was…”)


Aktionen

Information

Einen Kommentar schreiben

Du kannst diese Tags benutzen : <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>